{ Nach dem Hackathon ist vor der Nachhaltigkeit #WirVsVirus }

03.04.2020 von Claudia Jach, CfG Community

Nach dem Hackathon ist vor der Nachhaltigkeit #WirVsVirus

Was kann ein Hackathon leisten?

Hackathons – das Format ist in aller Munde und selbst bei denjenigen angekommen, die sich sonst vielleicht eher von Computerkram fernhalten. Bei der Open Knowledge Foundation haben wir bei Jugend hackt oder Code for Germany bereits viel Hackathon-Erfahrung gesammelt. Ein Hackathon ist ein Veranstaltungsformat, bei dem Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenkommen und in einem festgelegten Zeitraum zu einem bestimmten Thema arbeiten. Dabei sollen konkrete technologische Anwendungen entstehen oder bestehende weiterentwickelt werden. Diese Idee eignet sich nicht für alle Umstände gleichermaßen gut. In der gegenwärtigen Krisensituation allerdings kann ein Hackathon

  • in kurzer Zeit viel kreatives Potenzial entfalten,
  • Ideation schaffen,
  • Menschen vernetzen,
  • Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen lenken,
  • schnelle Lösungsvorschläge für ein akutes Problem hervorbringen bzw. einen Prototypen testen.

Hackathons als Rapid Response für erste Lösungsansätze

Damit kann ein Hackathon unter bestimmten Umständen ein schnell-umsetzbares Format in Krisenzeiten sein. Der WirVsVirus-Hackathon hat eine Umsetzung erprobt: Mehr als 42.000 Anmeldungen zeigen, dass es viele Menschen gibt, die gerne etwas tun möchten und Ideen haben. Und je mehr Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenkommen, desto höher ist die Chance, dass die verschiedenen Bedürfnisse einzelner Gruppen mitgedacht werden und die Vielfalt der Expertise zunimmt, die hinter den jeweiligen Ergebnissen steht. Auch die Akzeptanz für Lösungen kann steigen, wenn diese aus der Zivilgesellschaft heraus entwickelt werden. All dies sind Chancen, die ein Hackathon theoretisch bieten, aber nicht zwangsläufig leisten kann.

Die Zivilgesellschaft übernimmt in dieser Situation zugleich mehrere Funktionen: Sie ist Mitgestalterin und Watchdog. Als Organisator*innen, Teilnehmer*innen oder Mentor*innen übernehmen wir selbst Verantwortung in der Krise und dafür, dass die Projekte mit unseren freiheitlichen Grundwerten übereinstimmen. Bei Hackathons wie auch bei Code for Germany stehen wir dabei aber vor dem Grundproblem, dass die Tech-Szene nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich ist. Deshalb treffen wir oft eher Annahmen über andere, statt Entscheidungen mit ihnen. Da gibt es für uns noch viel zu tun. Als Watchdog haben wir allerdings auch die Aufgabe, den Prozess zu beobachten, evtl. korrigierend einzugreifen oder zu erklären, wenn und warum wir glauben, dass bestimmte Projekte unseren Grundwerten widersprechen oder mit einer anderen Herangehensweise einen besseren Grundstein für die weitere Nutzung bilden.

Weiterführung nach dem Hackathon - Nachhaltigkeit ist zentral

Alle Vorteile eines Hackathons deuten allerdings bereits auch das an, was ein Hackathon nicht leisten kann und warum es stattdessen Sinn macht, in Vorbereitung auf zukünftige Krisen unsere digitale Infrastruktur anders zu denken und aufzubauen. Das Format ist kein Allheilmittel für alle unsere Probleme, gerade weil ein Hackathon zeitlich beschränkt ist, nur über begrenzte materielle und personelle Ressourcen verfügt und die Zivilgesellschaft – zu großem Teil Ehrenamtliche – auch noch andere Verpflichtungen hat und ohne eine ausreichende Finanzierung den Prozess nur eingeschränkt begleiten kann. Es braucht die öffentliche Hand, um Anwendungen intensiv zu testen, zeitgemäße Formate für Dienstleistungen anzubieten und Arbeitskraft in die Umsetzung der Strukturen als notwendige Voraussetzung für die entwickelten Ideen zu lenken.

Deshalb haben wir uns noch während des Hackathons Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen muss, um einen nachhaltigen, gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Fragen, die wir uns gestellt haben, waren:

  • Wie können die vielen ähnlichen Ideen, die entwickelt wurden, zusammengeführt werden und ihr volles Potenzial entfalten?
  • Wie können wir die Qualitätssicherung der Projekte sicherstellen und wie können wir unsere Werte bezüglich Free and Open Source Software, Offener Daten, Offener Lizenzen und Schnittstellen weiter in die Projekte tragen?
  • Welche Infrastrukturen gibt es, damit die Menschen auch nach dem Hackathon weiter an ihren Prototypen arbeiten können?
  • Wie kann die Nachhaltigkeit der entwickelten Ideen sichergestellt werden?
  • Wie kann die Aufmerksamkeit von einem bestimmten Thema oder Projekt auf die übergreifenden Probleme bei der Digitalisierung in Deutschland transferiert werden? Der Effekt eines Hackathons ist umso kurzfristiger, wenn digitale Grundlagen in der Verwaltungspraxis fehlen, so werden z. B. Daten zu Covid19-Kranken, die in einer App angezeigt werden sollen, vorher von Behörde zu Behörde gefaxt.
  • Welche Rolle können die beteiligten Akteure eines Hackathons danach übernehmen?

Diese Fragen zeigen deutlich, dass nach einem Hackathon nicht Schluss sein kann. Im Gegenteil, es braucht andere Formate und Finanzierungen, damit erdachte Lösungen nicht wieder verschwinden und beim nächsten Hackathon wieder neu erfunden werden. Dafür braucht es neben einer aktiven Zivilgesellschaft vor allem eine Regierung, die in die Digitalkompetenz in der Gesellschaft, Behörden und deren Mitarbeitenden investiert. Denn die Zivilgesellschaft kann zwar den Hackathon organisieren und begleiten. Um die Ergebnisse und die digitalen Grundlagen in die Breite zu tragen, braucht es nun politischen Willen und eine zuverlässige, gesicherte und beständige finanzielle Grundlage.

Code for Germany stellt die gesammelten Erfahrungen und die Expertise des Netzwerks als Antworten auf die aufgeworfenen Fragen für die Öffentlichkeit und die zuständigen Verwaltungen in einem Handbuch zur Verfügung.